Kitty Clark Autorenblog
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Wie nutze ich das Plotting Tool vom Drehbuch-Guru?

Plotting mit dem Blake Snyder Beat Sheet

Aller Anfang ist schwer?

Ich kann mich noch ganz genau an den Moment erinnern: ich hatte meine Füße im warmen, thailändischen Sand, die türkisfarbene Wasser spielte zwischen meinen Zehen und ich klappte das Buch zu. Und war sauer. Ich hatte am Flughafen in Frankfurt etwa einen Zehner für diesen Liebesroman ausgegeben, und mir eine vergnügliche Zeit dadurch erhofft. Weit gefehlt.

Eine platte, undurchdachte Idee, ein unangenehmer Schreibstil und Klischees wie Sand am Meer.

Das war er: der „Inciting Incident“. Ich nahm mir vor, nicht nur zu meckern, sondern es besser zu machen und voller wütender Entschlossenheit schrieb ich ohne jegliches Plotting, sozusagen als Pantser by Default, mein erstes Buch. Ich setzte mich einfach hin, haute in die Tasten und ein Jahr später war mein Debüt Die Welt in unseren Herzen fertig, unter anderem geschrieben in Indien, Island und auf Kuba.  

Während ich schrieb, las ich mich parallel durch etliche Fachliteratur und entdeckte neben der ultimativen „Heldenreise“ ein Plotting Tool, das mir als Anfänger unglaublich viel brachte: das Blake Snyder Beat Sheet aus dem Buch Rette die Katze!*. Für das erste Buch war es bereits zu spät, aber den zweiten und aktuell auch dritten Roman schrieb bzw. schreibe ich streng geplottet. Und es fühlt sich einfach himmlisch an. Deshalb möchte ich euch das Wunderwerk jetzt vorstellen.

An alle Plotter: ihr werdet voll auf eure Kosten kommen, und vielleicht kann ich ja auch ein paar überzeugte Pantser bekehren?   




Was hat es mit dieser Katze auf sich?

Katzen gibt es ja zu Hauf in der Unterhaltungsbranche: Niedliche Katzenvideos fluten die sozialen Plattformen und sogar nicht niedliche, wie die bekannte Grumpy Cat, erlangen Kultstatus.

Auch im Bereich des Storytelling (Film und Literatur) sind Katzen vertreten. Es gibt beispielsweise das Phänomen der RightHandCat, bei dem der Antagonist oftmals eine Katze besitzt, also ein Katzenmensch ist. Beispiele dafür: der Pate oder Ernst Stravo Blofeld im Bond-Film „Man lebt nur zweimal“   

Wie auch immer, die Katze, die ich euch vorstellen will, hat mit der Right-Hand-Cat nichts zu tun, und auch mit Grumpy Cat nicht.

Es handelt sich um die Katze, die zu Beginn des Buches laut Blake Snyder vom Helden gerettet werden muss, um sich einen Platz im Herzen des Lesers oder Zuschauers zu sichern. Der Held muss Ecken und Kanten haben, die auch etwas schrullig sein können. Aber dennoch muss der Leser Sympathie für den Helden empfinden und das geht am einfachsten, wenn der Held in der ersten Szene eine Katze rettet. Oder eine Oma über die Straße führt. Oder ein Kind. Wichtig ist, dass gezeigt wird, dass der Held ein Herz hat.

Okay, das ist einer der wertvollen, aber simplen Tipps, die Blake Snyder in dem Buch „Save the Cat!“ für uns bereithält. Jetzt aber zu dem Teil mit dem Plotting. Der Hollywood Drehbuch-Guru beschreibt seine Theorie für Drehbücher, aber das Konzept kann einwandfrei auf jede Art von Literatur angewandt werden.




Was ist das Beat Sheet und welche Beats gibt es?

Das Blake Snyder Beat Sheet ist ein Grundgerüst, das haargenau den Takt des Plots vorgibt, und zwar straff und aufs Wort genau. Es definiert die Impulse, die die Geschichte vorantreiben und es definiert, wann sie zu erfolgen haben.

Diese Struktur ist die Basis für die gesamte Geschichte, die Leitplanken, die einem beim Scheiben den Weg zeigen.

Es gibt 15 von Snyder definierte Beats.

  1. Das Eingangsbild
  2. Thema
  3. Setup
  4. Auslöser
  5. Debatte
  6. Plotpoint I
  7. B-Story
  8. Spiel und Spaß
  9. Zentraler Punkt
  10. Das Böse rückt näher
  11. Alles verloren
  12. Der Seele finstrer Nacht
  13. Plotpoint II
  14. Finale
  15. Finales Bild

Zu jedem dieser Beats gibt Snyder wortgenau vor, wann diese passieren müssen, um die Handlung optimal voranzutreiben, damit die Struktur für den Leser/ Betrachter unbewusst stimmt und eine harmonische Geschichte erzählt wird.  

Basis ist eine Drei-Akt-Struktur, ein gängiger Spannungsbogen und ein Held, um den es geht.




Aber wie genau funktioniert jetzt das Beat Sheet?

Lasst uns gemeinsam einige der Beats anhand eines konkreten Beispiels besser verstehen und gemeinsam einen gesamten Plot für eine Geschichte entwerfen.

Also was darf es sein? Thriller? Fantasy? Liebesgeschichte? Alles ist möglich.

Ich nehme eine Liebesgeschichte, weil ich primär in diesem Genre schreibe. Ach, machen wir es doch gleich anhand meines zweiten (bald erscheinenden) Romans "True love"; aus dem Subgenre New Adult, den ich mit der Methode geplottet habe.

Also. Als erstes brauchen wir eine Logline.

„Als eine tollpatschige Hochzeitsfanatikerin nach zehn Jahren von ihrem Freund betrogen wird, begibt sie sich mit einer Zufallsbekanntschaft in die Toskana, um dort ihre Wurzeln, Träume und schließlich auch die wahre Liebe zu finden.“


Jetzt müssen wir noch festlegen, wie viele Wörter die Geschichte haben soll. Ein durchschnittlicher Roman bewegt sich etwa zwischen 80.000 und 120.000 Wörtern. Mein Kurzroman „True Love“, den ich während des Schreibwettbewerbs NaNoWriMo geschrieben habe, hat 50.000 Wörter, was dem Schreibziel des Wettbewerbs entspricht (ich kürze ab sofort die Tausend durch den Buchstaben k ab, um die einfache Lesbarkeit zu erhöhen, also 50k, statt 50.000).

 

1. Das Eingangsbild Gemeinsam mit 15. Finales Bild, bildet das Eingangsbild den Rahmen der Geschichte. Hier sollte man deutlich die Veränderung der Hauptperson erkennen. In meiner Geschichte befindet sich Amy, die tollpatschige Hochzeitsfanatikerin in einem Büro, wo sie als Praktikantin in einer Marketingagentur ein Bewerbungsgespräch führt. Sie träumt von dem perfekten Heiratsantrag, legt aber ausversehen einen Brand. Hier erfolgt auch die „Katzenrettung“, sie rettet nämlich Harry, ihren Regenbogenkaktus vor dem Feuer.
2. Thema Das zentrale Thema um das 2k Wort herum, im besten Falle von einem Nebencharakter laut ausgesprochen werden. Bei mir tut dies Clara, die (noch) beste Freundin von Amy: „Amy. Es ist nicht immer alles, wie es scheint. Manchmal muss man die Dinge hinterfragen. Und ich finde, jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür.“ Sie spricht das Thema Lügen an, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und sich auch im Titel „TRUE love“ wiederfindet.
3. Setup Bis zum 5k. Wort findet das Setup statt. Man lernt Amy in ihrer britischen Heimatstadt Stratford-upon-Avon kennen. Man erfährt, dass sie Hochzeiten liebt und den Spleen hat, mit ihrem Kaktus zu sprechen. Man lernt ihren Freund Lorenzo kennen und lernt einiges über die Art ihrer Beziehung, die nicht so prächtig ist, deren Alarmsignale Amy aber gekonnt ignoriert. Außerdem lernt man schon das Love-Interest Aiden kennen, dem sie einen Gefallen tut. Insgesamt sieht man Amy in ihrer gewohnten Welt vor dem auslösenden Ereignis.
4. Auslöser Endlich, bei Wort 5k geht es los. Der Stein kommt ins Rollen. Amy entdeckt den frechen Betrug ihres Freundes mit ihrer Sandkastenfreundin Clara.
5. Debatte Bis zum Wort 11k debattiert Amy mit sich, ob sie Lorenzo eventuell doch noch zurück möchte und den beiden vergeben soll, beziehungsweise wie es jetzt weitergehen soll.
6. Plotpoint I Der erste Wendepunkt bei Wort 11k. Sie entschließt sich dazu, mit dem Kapitel abzuschließen und England hinter sich zu lassen. Sie möchte nach Italien, wo sie ihre Kindheitsurlaube verbracht hat.
7. B-Story Die B-Story beginnt mit dem 2. Akt (ab 14k) und behandelt in meinem Fall das Familiengeheimnis von Amy und ihre Verbindung zu dem italienischen Weingut. Um nicht zu sehr zu spoilern, hier jetzt nicht mehr dazu.
8. Spiel und Spaß Von Wort 14k bis 25k geht es hauptsächlich um die zarte Liebe, die zwischen Amy und Aiden wächst
9. Zentraler Punkt Den Mittelpunkt der gesamten Geschichte beschreibt der „Zentrale Punkt“ bei Wort 25k. Hier handelt es sich entweder um einen falschen Sieg oder eine falsche Niederlage. Entweder der Held gewinnt scheinbar alles, oder verliert scheinbar alles. In meinem Fall verliert Amy alles, denn Lorenzo taucht auf dem Weingut auf und macht die junge Liebe zunichte, indem er ein weiteres Geheimnis aufdeckt: er kennt Aiden und legt offen, dass dieser skrupellose, egoistische Motive hat, Amy um den Finger zu wickeln. An diesem zentralen Punkt des 2. Aktes kehrt Amy nach Hause zurück.
10. Das Böse rückt näher Bis Wort 34k kämpft Amy nun, in ihrer alten Umgebung wieder auf die Beine zu kommen, sie durchläuft eine Charakterentwicklung, behauptet sich gegen ihren Exfreund und involviert langsam auch Aiden wieder in ihr Leben, erarbeitet sich berufliche Perspektiven und just in dem Moment, in dem sie scheinbar alles gewonnen hat, erreicht sie die Nachricht, dass sie
11. Alles verloren hat (genau bei 34k). Eine Hiobsbotschaft aus der Toskana erreicht sie und zwingt sie alles in England aufzugeben und zurückzukehren.
12. Der Seele finstrer Nacht Kurz darauf, bei Wort 39k gibt es sogar noch mehr Lebenslügen, die endlich aufgedeckt werden.
13. Plotpoint II Zudem stirbt einer der Charaktere und man hat das Gefühl, dass es schlimmer nicht kommen kann. Dies läutet den 3. Akt ein.
14. Finale Der dritte Akt spannt sich von Wort 39k bis 50k und erfährt keine weiteren Beats. Hier wird die Synthese aus der These (1. Akt) und der Antithese (2. Akt) herausgearbeitet. Amy lernt, dass Lügen zum Leben dazugehören und dass man im Leben Kompromisse eingehen muss. Sie arbeitet weiter an ihrer beruflichen und emotionalen Entwicklung, und nimmt die Beziehung zu Aiden wieder auf.
15. Finales Bild Das finale Bild zeigt Amy, die in ihrem eigenen Büro als Hochzeitsplanerin sitzt und ein Bewerbungsgespräch als Inhaberin ihrer eigenen Firma führt. Sie hat zwar eine feste Beziehung, hofft aber nicht mehr inständig auf den perfekten Antrag. Ob sie ihn trotzdem bekommt, verrate ich euch jetzt natürlich nicht.



Und was heißt das jetzt für mich zusammenfassend?

Ich verstehe, dass einige Autoren das Blake Snyder Beat Sheet als einengendes und fantasiezerstörendes Korsett empfinden. Für mich jedoch bedeutet es eine Sicherheit beim Schreiben:

  • Ich weiß immer, wo es langgeht
  • Ich verrenne mich nicht
  • Ich pushe die Handlung an den nötigen Stellen
  • Ich verliere das Ziel nicht aus den Augen
  • Trotzdem habe ich innerhalb der Beats genug Freiheit für kreative Ergüsse.

Wenn ihr das Beat Sheet auch ausprobieren wollt, empfehle ich euch folgende Vorgehensweise zusammengefasst:

  1. Logline schreiben
  2. Wortzahl festlegen
  3. Beats ausformulieren
  4. Losschreiben

Ich wünsche euch ganz viel Spaß dabei!

PS Auf Pinterest findet ihr auch meine Pinnwände, unter anderem zu dem Buch TRUE love oder zum Thema Storytelling, mit spannenden weiterführenden Artikeln.