Kitty Clark Autorenblog
HTML5 Bootstrap Template by colorlib.com
Schreibwerkstatt

Ein einziger Funke

Was haben Hermine, Samwise und Hodor gemeinsam?
Richtig: sie sind Nebencharaktere. Nebencharaktere erfüllen unterschiedliche Funktionen in einer Geschichte und dementsprechend sind sie unterschiedlich stark in die Handlung eingeflochten. Abhängig von dem Grad der Involvierung sind die Nebencharaktere mehr oder weniger komplex.

Nebencharaktere finde ich besonders spannend, denn sie bekommen natürlich nicht so viel Raum wie der Protagonist (immerhin geht es ja nicht primär um sie). Trotz des knappen Platzes müssen sie dennoch überzeugend dargestellt werden.
Habt ihr mal darauf geachtet, wie Nebencharaktere in die Handlung eingeführt werden?
Wie sie zum ersten Mal erwähnt werden oder auf welche Weise sie die Szene betreten? Wie erfährt der Leser, wer die Person ist?

Für mich deshalb die spannende Frage:
WIE (mit welchen Stilmitteln) schafft es der Autor, den Nebendarsteller lebendig darzustellen, und zwar kurz und knackig?
Wie bei allem im Leben, gibt es da eine riesige Bandbreite an Möglichkeiten. Ich möchte euch heute die beiden entgegengesetzten Enden zeigen.


1) Archetypen

Die Antwort für wenig komplexe Nebencharaktere sind Archetypen. Archetypen sind typische Handlungsfiguren, sie seit jeher beim Geschichtenerzählen genutzt werden.
Beispiele: der Herrscher, der Rebell, der Unschuldige.
Praktisches Beispiel:
„Sie trug zwei Zöpfe, die über ihren Ohren aus dem Kopf zu sprießen schienen, und ihre bunten Farben ihrer Ringelsocken schienen zu schreien: Hier bin ich!“
Es ist offensichtlich, dass es sich hier um ein Kind, ein junges Mädchen, handelt, das frisch und fröhlich ist. Sie sprüht vor Leben und Energie. Man sieht sie, nur durch die kurze Beschreibung ihres Äußeren schon vor sich, den Lolli in der Wange und den bunten Ranzen auf dem Rücken. Finde ich zumindest. Sie verkörpert kindliche Unschuld.
Fazit: Es sind nur wenige Worte nötig, um diese Figur einzuführen, da der Autor sich an gängigen Klischees bedienen kann. Handwerklich reicht es meist, das Äußere zu beschreiben, das automatisch auf den Charakter der Figur übertragen wird.
Allgemein: Archetypen helfen als Schema zur allgemeinen Charakterisierung.


2) Sonderlinge

Jetzt das andere Ende der Bandbreite: Es wird spannend. Was, wenn die Nebencharaktere sich nicht in Schubladen stecken lassen und geheimnisvoll bleiben wollen?
Wenn sie seinen bestimmten Zweck haben, der nicht sofort offengelegt werden soll? Wenn der Leser im Unklaren gelassen, getäuscht und hingehalten werden soll?
Dann werden sie zusätzlich zu ihrem reinen Äußeren mit mehreren Sinnen, durch ihre Handlungen und die Assoziationen des Protagonisten charakterisiert. Eine Gratwanderung, das gewünschte Bild beim Leser zu erzeugen, das auch noch lebensecht daherkommt und nicht zu ausschweifend wird.
Ich möchte euch ein positives Beispiel zeigen, das ich jüngst las und das mich begeisterte. (Zitate aus dem Psychothriller „Das Licht am Ende“ von Claudia Giesdorf)

Helena ist zugezogen und Anuk ihre neue Nachbarin. Hier ihr erstes Aufeinandertreffen:

Eine große, dunkelhaarige Frau stand dort, die Hände in die Hüften gestemmt, das blasse Gesicht zu einer spöttischen Miene verzogen. Ihr weiter, langer Knitterrock flatterte um ihre Waden, und sie hatte sich lässig ein Geschirrhandtuch über die Schulter geworfen.

Soweit, so gut. Wir als Leser sehen wie die Frau aussieht. Kein erkennbarer Archetyp (ist sie Rebell, Entdecker, Herrscher?). Sie ist widersprüchlich: steht (unbewegt), schaut spöttisch, der Rock flattert (beweglich), das Geschirrtuch ist lässig.

Anstatt sich vor dem Schmutz auf meiner Haut zu ekeln, nahm Anuk meine Hand und schüttelte sie so kräftig, dass mein Arm bis zum Schultergelenk mitwackelte.

Aha, also doch ganz schön zupackend.

„Komm schon, Mädchen. Wenn der Auflauf noch länger im Ofen bleibt, muss ich noch ein paar dieser schlunzigen Chiasamen reinwerfen und ihn dir als grünen Smoothie servieren.“ Sie lachte laut und frei, ganz tief aus ihrem Bauch heraus.

Sie ist also auch noch witzig dazu! Eigentlich sehr sympathisch. Wenn ihr mich fragt, eine ziemlich nette Nachbarin: Essenseinladung und dann noch Humor. Plötzlich der Schwenk:

Für einen Augenblick dachte ich an die Hexe von Hänsel und Gretel und wie sie mit einem kräftigen Schubser im Ofen verschwand.

Hä? Was? Bis gerade war sie doch noch total sympathisch! Wieso denn jetzt die Assoziation der Hexe? Also doch widersprüchlich!

Sie kam mir dabei so nah, dass ich einen leichten Schweißgeruch ausmachen konnte, der sich augenblicklich mit dem Duft von gebackenem Käse vermischte.

Und wieder ein Gegensatz: Schweiß und auf der anderen Seite der köstlichste Geruch, den ich persönlich mir vorstellen kann.

Die Handlung schreitet voran, die beiden unterhalten sich während des Essens und am Ende des Kapitels kommt das Finale, die funkensprühende Wunderkerze der Nebendarstellercharakterisierung:

Anuk war so real, dass die Realität an ihr zerschellte, sie war so wirklich, dass die Wirklichkeit mit sich selbst haderte. Sie war Leben, und ich wollte einen ihrer Funken abbekommen, nur einen einzigen.

Wir erfahren Anuk also mehrdimensional, mit allen Sinnen:

• Wir sehen, wie Anuk aussieht (braune Haare, spöttisches Gesicht, Kleidung) --> kein erkennbarer Archetyp
• Wir hören, was sie sagt und dass sie laut lacht
• Wir riechen sie (Schweiß und Käse)
• Wir assoziieren durch Helena als Prota Negatives (Hexe) und Positives mit ihr (Leben pur)



Zusammenfassend:

Ohne einen bestimmten Archetyp zu nutzen, wird uns Anuk komplex und lebensecht präsentiert, und zwar in kürzester Zeit, auf den Punkt und gewollt widersprüchlich. Die Vielschichtigkeit der Figur zeigt, dass Anuk eine größere Nebenrolle in der Geschichte hat.
Handwerklich eine gelungene Darstellung aus meiner Sicht. Mich hat der Charakter Anuk sofort gepackt, ich bin Feuer und Flamme, sozusagen.


Ob eindimensional (mittels Archetypen) oder komplex (durch Sinneseindrücke, Assoziationen, Handlungen): das Wichtigste ist, dass die Figur ihrer in der Geschichte zugedachten Rolle entsprechend dargestellt wird, damit der Funke beim Leser überspringt.